Misteldrossel

Dieses Jahr (2008) hatten wir - wie schon in der Vogelwelt erzählt - das große Glück, dass eine Misteldrossel in unserem Trompetenbaum gebrütet hat. Da die Misteldrossel normalerweise nur in Wäldern brütet, waren wir natürlich sehr stolz darauf, dass sie sich unseren Garten ausgesucht hat. Die vermutlich einmalige Gelegenheit haben wir genutzt, die Misteldrossel Familie bei der Aufzucht zu beobachten und dies mit vielen Fotos zu dokumentieren.

Wir waren sehr überrascht, dass die Misteldrossel sich unseren Trompetenbaum für ihr Nest ausgesucht hat, denn der Trompetenbaum bildet erst sehr spät sein Blattwerk aus. Dazu später mehr.

Bevor die Misteldrossel mit dem Nestbau begonnen hat, haben beide Elternteile erst einmal alle Amseln aus der näheren Umgebung vertrieben. Als dann keine Amseln mehr zu sehen waren, hat die Misteldrossel mit dem Nestbau begonnen. Da für uns beide Elternteile gleich aussahen, können wir nicht sagen, wer der Baumeister war. Auf jeden Fall wurde alles angeschleppt, was in der Umgebung zu finden war; z.B. Plastikfolie, Plastikschnüre, Stroh, Heu und anderes Baumaterial.
Bei den Mengen an verbauten Kunststoffen ist das Nest vermutlich ein Fall für den Gelben Sack und muss dem Recycling zugeführt werden.

04.05.2008 - Tag 1:

Auf dem Bild ist einer der Elternvögel auf dem Nest zu sehen. Es ist der Tag, an dem der erste und einzige Jungvogel geschlüpft ist. Der Trompetenbaum hat noch kein Blattwerk ausgebildet. Das Nest ist deshalb von oben noch gut zu sehen und völlig ungeschützt dem Regen ausgesetzt. Bei Regen verlässt der Elternvogel das Nest nicht.

04.05.2008 - Tag 1:

Die Höhe des Trompetenbaumes erlaubt es mir, die Kamera über das Nest zu halten und auf “gut Glück” auszulösen. Natürlich tue ich dies nur, wenn kein Elternteil auf dem Nest sitzt.

Gut zu erkennen: der geschlüpfte Jungvogel und die 2 Eier. Interessanterweise ist ein Ei bräunlich und das andere bläulich gefärbt.

05.05.2008 - Tag 2:

Noch immer nur ein Jungvogel. Wir warten jeden Tag auf seine Geschwister.

Es ist kaum ein Unterschied zum 1. Tag zu sehen. An den nackten Flügeln sind Ansätze für Federn zu erkennen.

06.05.2008 - Tag 3:

Die Ansätze für Federn sind immer deutlicher zu erkennen; besonders an den Flügeln.

Klicke einfach auf das Bild selbst, und Du erhälst das Bild in höherer Auflösung - das gilt für alle Bilder auf dieser Seite.

07.05.2008 - Tag 4:

Die Federn sind jetzt schon sehr deutlich zu erkennen. Da sie blau aussehen und die beiden anderen Eier noch immer unversehrt im Nest liegen, kommen bei uns Gedanken an einen Kuckuck hoch. Nehmen wir es an dieser Stelle vorweg: die Gedanken sind falsch. Bei dem Jungtier handelt es sich um eine Misteldrossel. Aus den beiden hier zu sehenden Eiern werden nie Vögel ausschlüpfen - sie verfaulen.

08.05.2008 - Tag 5:

Noch nie haben wir so vorsichtige Eltern gesehen. Die Misteldrosseln fliegen niemals direkt das Nest an. Minutenlang verharren sie auf einem Dach, einem Baum oder auf einer Mauer und beobachten den Himmel. Und gut tun sie daran, denn die Elstern haben die Misteldrosseln entdeckt und kommen dem Nest immer näher. Obwohl der Trompetenbaum noch kein Blätterdach ausgebildet hat und das Nest von oben deshalb immer noch ungeschützt ist, haben die Elstern das Nest aber noch nicht entdeckt.

09.05.2008 - Tag 6:

Immer öfter beobachten wir die Misteldrosseln im Kampf mit den Elstern. Teilweise finden die Kämpfe schon in den Bäumen auf dem Nachbargrundstück statt.
Wir machen uns Sorgen, dass die Elstern “unsere” kleine Misteldrossel entdecken.

Einmal, als die Misteldrosseln mit den Elstern vor dem Haus auf der Straße kämpfen, kann ich es nicht lassen und ergreife Partei: ich trete vor die Tür, worauf die Elstern schreiend die Flucht ergreifen.

10.05.2008 - Tag 7:

Die Augen sind geöffnet. Wenn der Jungvogel nun meine Kamera sieht,  streckt er der Kamera reflexartig seinen offenen Schlund entgegen.

11.05.2008 - Tag 8:

Endlich gelingt mir ein Schnappschuss von einem Elternvogel beim Füttern. Da ich nur eine kleine Digitalkamera mit 3-fach optischem Zoom habe, sind die Details entsprechend schlecht aufgelöst.
Auf dem rechten Bild gut zu erkennen: die noch sehr kleinen Blätter des Trompetenbaumes. Sie bieten immer noch sehr wenig Schutz vor den “hungrigen” Blicken der herumfliegenden Elstern. Oft fürchten wir um das Leben “unserer” Misteldrossel, denn die Elstern - inzwischen 3 an der Zahl - kommen näher und näher.

12.05.2008 - Tag 9:

Weit reckt der hungrige Jungvogel der Kamera seinen offenen Schlund entgegen. Noch immer erkennt er die Kamera nicht als Feind.

13.05.2008 - Tag 10:

Der Jungvogel wird langsam misstrauisch gegenüber der Kamera. Im ersten Moment streckt er der Kamera immer noch seinen offenen Schlund entgegen. Dann jedoch zieht er sich zurück und duckt sich tief in Nest.

14.05.2008 - Tag 11:

Das Federkleid wirkt fast komplett.

Inzwischen liegt übrigens nur noch 1 Ei im Nest. Das andere ist spurlos verschwunden.

16.05.2008 - Tag 13:

Wie auf den Bildern gut zu erkennen ist, siegt beim Anblick der Kamera inzwischen die Angst über den Hunger. Tief duckt sich der Jungvogel zwischen seine Flügel.

18.05.2008 - Tag 15:

Der Jungvogel sitzt auf dem Nestrand und macht erste Flugübungen. Er weist nun auch das typische Muster  der Misteldrossel auf und ist von den Eltern kaum noch zu unterscheiden. Da der Jungvogel immer aktiver wird, vermuten wir, dass er sehr bald das Nest verlassen und davon fliegen wird. Wir sollten Recht behalten.

Kurz nachdem ich diese letzen Fotos gemacht habe, durchschneiden die Schreie meiner Tochter die ländliche Ruhe! Weinend und völlig hysterisch schreit sie um Hilfe!
Der Jungvogel hatte versucht, davonzufliegen, hängt nun aber kopfüber vom Baum herunter - gefangen von einem der grünen Plastikschnüre, welche von seinen Eltern zum Nestbau benutzt worden. Über die Zeit hatte sich eine Plastikschnur mehrfach um eines seiner dünnen Beinchen gewickelt und war nun zu einer (fast) tödlichen Falle geworden.
Schnell waren meine Frau und ich zur Stelle um “unsere” Misteldrossel zu retten. Während ich den Jungvogel vorsichtig mit meinen Händen umschloss und das dünne Beinchen fest hielt, schnitt meine Frau vorsichtig die Plastikschnur von seinem Bein.

Gerettet! Was für eine Dramatik!

Vorsichtig versuche ich, den Jungvogel auf den Rand des Nestes zurückzusetzen, jedoch ohne Erfolg. Einmal losgelassen, fliegt er sofort davon und versteckt sich unter den Büschen in unserem Garten.
Eine Zeit lang beobachten wir noch, wie er von seinen Eltern gefüttert wird. Kurz darauf ist die Familie Misteldrossel jedoch verschwunden.

Ob wir sie wieder sehen?

Update 16.05.2010:

“Unsere” Misteldrosseln und wir haben es inzwischen bis in die Zeitschrift “Fauna und Flora Rheinland-Pfalz 11: Heft 3, 2009” geschafft. Frank Schlotmann aus Harxheim hat darin eine Abhandlung über Misteldrosseln veröffentlicht. Titel: “Brutvorkommen der Misteldrossel (Turdus viscivorus) Rheinhessen”.
Ein Sonderdruck liegt uns als Kopie in Papierform vor. Sobald mir Herr Schlotmann seine Abhandlung als Datei zur Verfügung stellt, werde ich sie hier veröffentlichen, die Erlaubnis von Herrn Schlotmann vorausgesetzt.

Letzte Woche (05.05.2010) hat meine Frau “die Misteldrosseln” wieder in unserem Garten gesehen. Das Vogelpaar war auf Nistplatzsuche und hat sich dabei unseren Trompetenbaum angeschaut. Leider musste ich den Baum im Februar fast bis auf den Stamm zurückschneiden, da er seine eigenen Äste mit Laub nicht mehr tragen konnte, er drohte auseinander zu brechen. Die verbliebenen Ast-Stummel boten wohl nicht mehr genügend Sichtschutz gegen Elstern, so dass die Misteldrosseln weitergezogen sind.

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Aktualisiert:
Sonnstag, 16. Mai 2010